Wasserstoff als Energieträger im Kreis Groß-Gerau

Die ÜWG will den Energieträger Wasserstoff im Landkreis Groß-Gerau stärker in den Fokus rücken. Helfen soll dabei eine Kooperation mit dem Energiepark Mainz.

 

MAINZ/GROSS-GERAU. Seit fast zehn Jahren engagiert sich die Überlandwerk Groß-Gerau GmbH (ÜWG) beim Ausbau des Geschäftsfelds Wasserstoff in der Region Groß-Gerau. Die ÜWG war vor einigen Jahren auch der initiale Ideengeber für den Energiepark Mainz. Im Energiepark im Stadtteil Hechtsheim produzieren die Mainzer Stadtwerke AG und Linde seit 2015 erfolgreich Wasserstoff per Elektrolyse. Der Energiepark zählt nicht nur wegen seiner Elektrolyse-Spitzenleistung von bis zu sechs Megawatt zu den weltweit innovativsten Anlagen seiner Art. Der Strom für die Elektrolyse stammt aus erneuerbaren Energien – der Wasserstoff kann dadurch äußerst umweltfreundlich produziert werden. Künftig wird auch die ÜWG und der Landkreis Groß-Gerau von dem Hoffnungsträger Wasserstoff profitieren: ÜWG-Geschäftsführer Jürgen Schmidt und Stadtwerke-Vorstand Dr. Tobias Brosze schlossen einen entsprechenden Kooperationsvertrag ab.  

Was steckt hinter der strategischen Partnerschaft und was bedeutet sie für den Landkreis Groß-Gerau? „Die ÜWG möchte sich über den Einstieg beim Energiepark entsprechende Wasserstoffmengen langfristig sichern und zudem vom Wissen des ehemaligen Forschungsprojekts profitieren“, erläutert ÜWG-Geschäftsführer Jürgen Schmidt. Außerdem möchten die Mainzer Stadtwerke, Linde und die ÜWG mittelfristig enger beim Thema Wasserstoff zusammenarbeiten und gemeinsam weitere tragfähige Geschäftsmodelle und Projekte entwickeln. Dementsprechend sollen weitere Wasserstoffquellen in der Region von den drei Partnern künftig gemeinsam erschlossen werden.

Das Thema Wasserstoff wird in den nächsten Jahren im Landkreis Groß-Gerau eine größere Rolle spielen, sind sich die ÜWG und die politischen Vertreter des Landkreises sicher. So setzt unter anderem die lokale Nahverkehrsgesellschaft des Kreises Groß-Gerau (LNVG) auf Wasserstoff und sieht in ihrem Mobilitätskonzept die mittelfristige Umstellung des gesamten Linienbetriebs auf Wasserstoff vor.

„Der Kreis Groß-Gerau arbeitet mit Hochdruck an der nachhaltigen Nutzung emissionsfreier Antriebe für den öffentlichen Nahverkehr“, verdeutlicht Landrat Thomas Will. „Der Einsatz des ersten Brennstoffzellenbusses im Linienverkehr im Mai 2020 ist das erhoffte Aufbruchssignal für eine Umstellung auf nicht fossile Energieträger. Ich wünsche mir, dass der Energieträger Wasserstoff sich in vielen Bereichen in der Gesellschaft durchsetzen wird. Dass wir mit dem ÜWG nun beim Energiepark Mainz andocken können, ist ein weiterer wichtiger Schritt in diese Richtung.“ 

 

Der Erste Kreisbeigeordnete Walter Astheimer: „Wir entwickeln im Kreis seit vielen Jahren Strategien und Projekte, um Treibhaus-Emissionen zu reduzieren und die Umstellung auf erneuerbare Energien voranzubringen. Lokal können wir im Kreis und in der Kreisverwaltung viel gegen den Klimawandel tun – das fängt bei der Beschaffung von Büromaterial an und hört beim hoffentlich bald CO2-neutralen öffentlichen Nahverkehr noch lange nicht auf. Unser ehrgeiziges Ziel bleibt: Wir möchten bis 2030 eine emissionsfreie Busflotte auf den Linien des Kreises fahren sehen.“

Für die ÜWG bietet der Energieträger Wasserstoff in mehreren Bereichen interessante Perspektiven:  Aktuell begleitet und unterstützt die ÜWG beispielsweise die Vorplanungen zum Bau einer Wasserstofftankstelle für die LNVG. Bis Ende des Jahres soll ein konkretes Betankungskonzept erstellt werden.

Der Kreis Groß-Gerau zeichnet sich unter anderem durch die hohe Dichte an Lager- und Logistikzentren aus. Auch hier besteht die grundsätzliche Notwendigkeit der CO2-Reduzierung im Energieverbrauch. Ein Großteil der Energie fällt auf den internen Warenverkehr mit Gabelstaplern etc. Hier bieten wasserstoffbetriebene Fahrzeuge gegenüber den etablierten Batteriefahrzeugen einige gravierende Vorteile. Zur Realisierung eines Projekts zur Nutzung grünen Wasserstoffs in der Intralogistik prüft ÜWG in einer ersten Phase zunächst die Grundvoraussetzungen und die Realisierbarkeit eines solchen Vorhabens.

Darüber hinaus möchte sich die ÜWG an einem Forschungsprojekt beteiligen, bei dem im Landkreis Groß-Gerau erste Erfahrungen mit der Bereitstellung von Wasserstoff im Linienbusbetrieb gesammelt werden soll. Die Reputation der ÜWG im  Bereich Wasserstoff zeigt sich auch daran, dass die Überlandwerk Groß-Gerau GmbH seit Herbst 2020 die Geschäfte des Vereins „Wasserstoff- und Brennstoffzelleninitiative Hessen e.V.“ führt und inzwischen auch den operativen Betrieb der Geschäftsstelle von der LandesEnergieAgentur (LEA) übernommen hat.

Die Mainzer Stadtwerke und Linde begrüßen die Kooperation mit der ÜWG beim Thema Wasserstoff.  Dr. Tobias Brosze: „Aus den Reihen der ÜWG kam vor einigen Jahren ja die Initialzündung zum Bau des Energieparks. Ein Stück weit gehörte die in Hechtsheim errichtete Anlage also schon seit der Inbetriebnahme auch zu Groß-Gerau. Mit der jetzt besiegelten Kooperation wird das Thema Wasserstoff als Energieträger der Zukunft hoffentlich auch in der Realität stärker in den Fokus von Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit im Landkreis Groß-Gerau rücken.“

Dr. Mathias Kranz, Leiter Onsite und Bulk-Geschäft Deutschland: „Linde setzt bereits seit langem auf Wasserstoff, der einen erheblichen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten kann. Die Rhein-Main-Region wird wegen ihrer zentralen Lage und der ansässigen Industrie beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft eine wichtige Rolle spielen. Wir sind stolz auf den Energiepark Mainz und die gute Zusammenarbeit mit den Mainzer Stadtwerken, die uns viele Möglichkeiten eröffnet. Wir begrüßen die ÜWG als neuen Partner im Projektverbund und freuen uns auf die Zusammenarbeit, auch über den Energiepark Mainz hinaus.“

2013 war der Energiepark Mainz als gemeinsames Forschungsvorhaben der Partner Linde, Siemens und Mainzer Stadtwerke unter wissenschaftlicher Begleitung der Hochschule RheinMain mit finanzieller Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums gestartet. Der in Hechtsheim aus erneuerbarem Strom produzierte Wasserstoff wird teils ins Erdgasnetz eingespeist, teils per Trailer zu Anwendern in Industrie und Mobilität transportiert. Die Anlage arbeitet seit Ende der Forschungs- und Förderphase 2017 im kommerziellen Betrieb. Sie wird seitdem von der Mainzer Stadtwerke AG und der Linde GmbH gemeinsam betrieben.

Die Stadtwerke nutzen die in dem Projekt gewonnene Erfahrung bereits seit mehreren Jahren dazu, elektrolytisch erzeugten Wasserstoff als ein künftiges Element zur CO2-freien Versorgung der Sektoren Strom, Gas, Wärme, Verkehr und Industrie einzusetzen. So wird ein Teil des in Hechtsheim produzierten Wasserstoffs in eine vorhandene Erdgasleitung eingespeist und ersetzt im benachbarten Stadtteil Ebersheim in rund 1000 Haushalten ein Teil des Erdgases. Technisch ist die Beimengung von bis zu zehn Prozent Wasserstoff ins Erdgasnetz möglich.

Wie die ÜWG, so sehen auch die Mainzer Stadtwerke im Bereich des emissionsfreien ÖPNV und Schwerlastverkehrs große Potentiale für die Nutzung von regenerativ erzeugtem Wasserstoff. Hierzu hat MSW über die Mainzer Verkehrsgesellschaft in Kooperation mit der ESWE Verkehrsgesellschaft in Wiesbaden bereits eine gemeinsame Betriebstankstelle für Wasserstoff-Brennstoffzellenbusse errichtet. Die ersten Linienbusse in Mainz und Wiesbaden fuhren bereits mit Wasserstoff, beide Verkehrsunternehmen rechts und links des Rheins planen den Kauf weiterer Brennstoffzellenlinienbusse.